Sigmund Freud    ( * 06.05.1856,   † 23.09.1939 )

Am 6. Mai 1856 wurde Sigmund Freud als Sigismund Schlomo Freud in der ländlichen Stadt Freiberg (Pribor, Österreich) geboren. Er war der älteste Sohn von Jakob Freud (1815-96), einem jüdischen Wollhändler, und dessen zweiter Frau Amalie Nathanson (1835-1930), beide aus Galizien stammend. Er hatte sieben Geschwister und zwei ältere Halbbrüder. Im Jahre 1859 zog die Familie Freud nach Wien, wo Sigmund bis zu seiner Emigration auf Grund des Nationalsozialismus - er war jüdischer Abstammung - bis zum Juni 1938 lebte und dann nach London übersiedelte. Am 23.9.1939 verstarb Freud in London nach einem längeren Krebsleiden.

 
Freuds Menschenbild

Sigmund Freud gilt als der Entdecker des Unbewussten. Zwar hatte schon C.G. Carus vor Freud den Begriff des Unbewussten eingeführt, jedoch ist Freud der Entdecker der gesetzmäßigen Dynamik des Unbewussten.
   Noch heute gilt das Unbewusste als das, was der geistigen und auch emotionalen Wachheit eines Menschen nicht (oder nicht mehr) zugänglich ist. Für Freud ist das Unbewusste kein statisches Schachtelsystem mehr, wie sich die zeitgenössischen Psychologen noch das Gedächtnis vorstellten, sondern ein dynamisches Konglomerat unausgelebter, nicht eingestandener Konflikte und biografischer Daten. Freuds Unbewusstes ist der Träger verdeckter und verdrängter Wahrheiten, die aber immer wieder an die wache Oberfläche des Bewusstseins der jeweiligen Person drängen. Wie sehr das Unbewusste dem Bewusstsein immer wieder das Konzept verdirbt, beweist für Freud schon das an sich völlig harmlose Verhalten des "Sichversprechens", wenn beispielsweise die Grabrede eines Intimfeindes lautet: "Der erschütternde Verlust, den wir errungen haben..." statt "...den wir erlitten haben...".
    Freuds psychischer Apparat des Menschen besteht im Wesentlichen aus drei Ebenen, die sich in einem steten Kräftespiel von Trieb und Kontrolle befinden. Das ES ist die älteste psychische Instanz, birgt die ererbten Anlagen, gehorcht dem Lustprinzip und ist folglich gesteuert von den Trieben. In der Begegnung mit dem sozialen Umfeld, der Gesellschaft und allgemein der Umwelt entwickelt sich die zweite Ebene, das ICH. Das ICH stellt die bewusste Vernunft- und Entscheidungsebene dar. Das ÜBER-ICH repräsentiert die gesellschaftlich-kulturelle Ebene. Hier werden Informationen aus Erziehung und Elternhaus sowie anderer Bezugspersonen gespeichert, vor allem auch deren Moralvorstellungen. Es ist gewissermaßen Nachfolger und Vertreter der Eltern und Erzieher. Auf der ÜBER-ICH-Ebene findet sich demzufolge auch die richterliche Instanz des (erlernten) Gewissens. Allgemein wird durch das ÜBER-ICH die Persönlichkeit kontrolliert.
    Das ICH befindet sich in einem permanenten Entscheidungsprozess bis hin zum Kampf, zwischen den lustbetonten Trieben des ES und dem Kulturanspruch des ÜBER-ICH vermitteln oder gar entscheiden zu müssen. Wenn das ICH dem ÜBER-ICH das Opfer eines Verzichts auf die Lust bringende Befriedigung der Triebe gebracht hat, erwartet es, als Kind wie als Erwachsener, als Belohnung dafür von ihm geliebt zu werden.
    Nach Freuds psychischem Konzept entstehen Neurosen, Psychosen und andere seelische Fehlleistungen durch die Unterdrückung von Trieben. Eine Neurose fungiert als Ersatzhandlung und stellt den Versuch des jeweiligen Menschen dar, einem größeren Übel auszuweichen, in der Regel einem Konflikt mit dem ÜBER-ICH und daraus resultierendem Liebesverlust. Die Mächtigkeit des ÜBER-ICHs spielt hierbei eine sehr entscheidende Rolle. Denn als soziales Wesen ist der Mensch extrem abhängig von gesellschaftlicher Anerkennung und dem damit verbundenen Gefühl, anderen "etwas wert zu sein". Ein sehr strenges und rigides Elternhaus beispielsweise zementiert ein übergroßes ÜBER-ICH. Kann sich die ICH-Ebene nicht stark genug mittels anderer, unterstützender Bezugspersonen entwickeln, so muss das ICH, um nicht zwischen den beiden inneren Instanzen ES und ÜBER-ICH zerrieben zu werden, einen zu großen Anteil des lustbetonten ES unterdrücken und verdrängen. Freud meinte, dass so die Grundlagen für neurotisches Verhalten geschaffen werden. Funktionelle seelische Erkrankungen stellten sich für ihn als die Ergebnisse von Kompromissbildungen zwischen dem ÜBER-ICH und verdrängten triebhaften Regungen des ES dar.
    Eine gesunde Unterdrückung der Urtriebe des ES ist jedoch notwendig und ermöglicht dem Menschen erst ein zivilisiertes Zusammenleben. Jede Solidarität mit anderen Menschen bedeutet Triebverzicht. Und genau dieser Triebverzicht ermöglichte dem Menschen die Entwicklung seiner Kultur (Sublimierung). So entmündigt das ÜBER-ICH einerseits den Menschen, kultiviert ihn aber andererseits, indem es ihm hilft, die Leidenschaften und Triebe zu zähmen.
 

Die Psychoanalyse

Wörtlich genommen bedeutet der Begriff Psychoanalyse "Seelenzergliederung". Die Psychoanalyse ist eine Methode, welche die unbewusste Bedeutung vom Verhalten eines Menschen, seinen Träumen und Fantasien zu ergründen und durch Bewusstmachung Neurosen zu heilen versucht.
    Der therapeutische Ansatz der Psychoanalyse besteht in der Überzeugung, dass aktuelle neurotische Störungen eines Menschen ihre Ursachen in der frühen Kindheit haben. Diese frühen Ursachen müssen nun aufgedeckt und erinnert werden. Die durch Erfahrung erworbene Einsicht soll dem Patienten dann helfen, die aktuelle Störung zu bewältigen. Schnell taucht beim Patienten die von Freud als "Widerstand" bezeichnete Angst auf, diese Aufdeckungsarbeit zu leisten. Kindliche Erfahrungen und Verhaltensmuster werden mit bestimmten Bezugspersonen, eben auch dem Analytiker, wiederholt. Freud bezeichnete dieses Phänomen als "Übertragung". Aufgabe des Psychoanalytikers ist es, diese neurotischen Verhaltensmuster als solche zu erkennen und dem Patienten bewusst zu machen. Das bis dahin abgespaltene Unbewusste kann nun dem ICH als Entscheidungsinstanz wieder angegliedert werden. Erst dann soll es dem Patienten möglich sein, in der aktuellen Wirklichkeit zu agieren, frei von verdrängten Verhaltensmustern und Ängsten.
    Die klassische Psychoanalyse benutzt teils noch heute das original Freud'sche Szenario: Der Patient liegt auf einer Couch und der Analytiker sitzt hinter ihm, hört vor allem zu und greift nur selten mit Äußerungen ein, die völlig wertfrei sein sollen und die Erinnerung und das Verstehen des Patienten in sich selbst vertiefen sollen.
    Noch heute muss sich ein angehender Psychoanalytiker nach seiner Facharztausbildung zum Psychiater selbst einer Psychoanalyse, der so genannten "Lehranalyse", unterziehen.
 

Freuds Werdegang als Wissenschaftler

1881 promovierte Sigmund Freud zum Doktor der Medizin. Eine Forschungsassistenz am Physiologischen Institut von Ernst Brückes und klinische Arbeit in der Neurologie am Allgemeinen Krankenhaus in Wien verschafften Freud grundlegende Erfahrungen in neurologischer Klinik und Diagnostik. 1985 habilitierte Freud auf dem Gebiet der Neuropathologie.
    Einschneidend war für den 29-jährigen Freud ein Stipendien-Aufenthalt für vier Monate in Paris bei J.M. Charcot an der Salpetrière, einem alten Armenkrankenhaus. Er besuchte die bahnbrechenden Vorlesungen Charcots über die Hysterie und hatte erstmalig Kontakt mit systematisch durchgeführter Hypnose.
    Anschließend eröffnete Freud eine Privatpraxis. Er vertiefte seine Kenntnisse über die Hypnose und die Hypnosetechnik und studierte bei sich und seinen Patienten seelische Fehlhaltungen ohne erkennbare organische Ursachen. Freud arbeitete zusammen mit seinem langjährigen Freund, dem Arzt Josef Breuer, dessen Behandlung der Patientin "Anna O." Freud sehr faszinierte, über Hypnose und Hysterie. 1895 veröffentlichten beide gemeinsam ihre "Studien über Hysterie".
    Allerdings ließen sich nicht alle Patienten tief genug hypnotisieren. Und Freud wollte in seinem unermüdlichen Forscherdrang tieferen Aufschluss über die Entstehung der Neurose gewinnen. Um die bewusste und unbewusste Ebene des menschlichen Geistes zu ergründen, brauchte er den wachen Patienten. Allmählich entwickelte er die Methode der freien Assoziation. Er forderte seine Patienten auf, alles zu sagen, was ihnen zu einem bestimmten Thema (von Traumsequenzen bis hin zu körperlichen Symptomen) einfiel, ohne dabei Sinnzusammenhänge oder gesellschaftliche Schicklichkeitsnormen zu beachten.
    1896 prägte Freud für seine neue Behandlungsmethode der Psychotherapie den Begriff Psychoanalyse. Die nächsten 40 Jahre seines Lebens war er mit der systematischen Ausarbeitung dieser Therapiemethode und der daraus gewonnenen Erkenntnisse beschäftigt. Bis zu 12 Stunden täglich arbeitete er mit seinen Patienten (auf der so berühmt gewordenen Couch) und schrieb bis tief in die Nacht hinein die Ergebnisse des Tages nieder.
    1902 wurde Freud zum außerordentlichen Professor der medizinischen Fakultät der Universität Wien ernannt. Seine psychoanalytischen Ideen verbreitete er jedoch ausschließlich außerhalb der Universität.
    In seine Privatwohnung lud Freud Freunde und spätere Mitarbeiter zu Gesprächskreisen ein. An dieser "Psychologischen-Mittwochs-Gesellschaft" nahmen unter anderem die später durch eigene Arbeiten hervortretenden Mitglieder Alfred Adler, Carl Gustav Jung, Sándor Ferenczi und Otto Rank teil. Sechs Jahre später gründete sich aus diesem regelmäßigen Gesprächskreis die "Wiener Psychoanalytische Vereinigung". Bereits zwei Jahre später, nach zahlreichen Vortragsreisen und Gastvorlesungen, entstand die "Internationale Psychoanalytische Vereinigung". Es wurden nationale und internationale Fachzeitschriften für Psychoanalyse herausgegeben.
    Gesellschaftliche und wissenschaftliche Anerkennung erfuhr Freud, als ihm 1920 endlich der Titel des ordentlichen Professors der Wiener Universität verliehen wurde.
 

Welche Rolle spielt Freud heute?

Die ungenommene historische Leistung Sigmund Freuds ist bis heute, dass er der Einsicht in die Eigenständigkeit psychischer Vorgänge zum Durchbruch verholfen hat. Es gelang ihm, ohne die bewertende Verdammung anderer Menschen in dem neu geschaffenen Freiheitsraum der Psychoanalyse ein klares und oft hilfreiches Verständnis für zahlreiche menschliche Probleme zu schaffen.
    Freuds bleibende Wirkung lässt sich täglich in der westlichen Welt erfahren, beispielsweise an dem geduldigen bis hartnäckigen Interesse am einzelnen Menschen und seinem Familienschicksal oder der Aufmerksamkeit, die kindliche Gefühlsäußerungen heutzutage erregen. In allen Lebensbereichen begegnen wir heute dem Freud'schen Ansatz, die unbewussten Ebenen der menschlichen Seele zu beleuchten: von der Kindererziehung bis hin zur Werbung, die täglich auf uns niederprasselt.
    Von der Psychoanalyse versprachen sich viele Anhänger, die Benachteiligungen der frühen Erziehung, die Narben der Kindheit und auch der sozialen Herkunft zu korrigieren, das Leben des Einzelnen noch einmal aufzurollen und damit dem befreiten ICH vollkommene Entscheidungsfreiheit zu geben. Dem sozial- und kulturabhängigen Wesen, das wir Menschen nun einmal sind, widerspricht natürlich eine solch vollständige Loslösung vom Freud'schen ÜBER-ICH bzw. der gesellschaftlichen Anbindung.
    Die Psychoanalyse dauert auf Grund der freien und ungelenkten Assoziationstechnik mehrere Jahre, also besonders lange. Im Laufe der letzten Jahre wurden zahlreiche psychotherapeutische Methoden entwickelt, die in kürzerer Zeit zum Erfolg führen sollen, da sie Ziel gerichteter und stärker am aktuellen Konflikt orientiert arbeiten. Letztlich sind auch sie jedoch Kinder Freuds, zumindest aber entfernte Verwandte seiner Psychoanalyse.
    Umstritten bleibt bis heute vor allem die so grundlegende Bedeutung, die Freud der Sexualität des Menschen zuschreibt. Die von Freud schon dem Kleinkind zugeschriebenen sexuellen Triebe beispielsweise (Stichwort "Ödipuskomplex") werden im Rahmen der derzeitigen Offenlegung von sexuellem Missbrauch von Kindern besonders kontrovers diskutiert. Freud wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, real geschehenen Kindesmissbrauch als Fantasien der Kinder missdeutet zu haben, sich somit auf die Seite der Täter gestellt zu haben.
    Trotz zum Teil vehementer Kritik an der klassischen Freud'schen Psychologie ist die Psychoanalyse auch heute nicht aus der inzwischen breit gefächerten Vielfalt an Psychotherapien wegzudenken. Neben der Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischen Therapie wird heute in Deutschland auch die Psychoanalyse als psychotherapeutische Leistung von den Krankenkassen anerkannt, wenn sie von seitens der kassenärztlichen Vereinigung als qualifiziert eingestuften Therapeuten durchgeführt wird.

Quelle:  www.wissen.de

Hier gibt es auch noch Infos:  http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud


Link zur Infoseite über Carl Gustav Jung
 

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